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Energie & Haustechnik

Warum die Vorlauftemperatur über deine Heizkosten entscheidet

Gemessene Prüfwerte zeigen, was 55 statt 35 Grad Vorlauf kosten. Dazu der Selbsttest über eine kalte Woche und der Satz, der in die Offerte gehört.

Eine wandmontierte Vorlaufmischgruppe an der Heizungsversorgung mit angebrachtem Rohrthermometer und einem gefalteten Notizzettel.

Der Heizungsinstallateur trägt in die Offerte 55 Grad Vorlauftemperatur ein, weil das im Altbau so üblich sei. Damit ist die Betriebsrechnung der nächsten zwanzig Jahre entschieden, bevor irgendjemand nachgemessen hat. Die Frage, ob dein Haus auch mit 45 oder 40 Grad warm wird, kannst du selbst beantworten — in der nächsten kalten Woche, ohne Investition, mit einem Thermometer und einem Blatt Papier.

Kurzantwort

  • Die Vorlauftemperatur ist der grösste einzelne Hebel auf die Stromrechnung einer Wärmepumpe. Dieselben Geräte, bei 35 und bei 55 Grad geprüft, verlieren rund ein Viertel bis ein Drittel ihrer Leistungszahl.
  • Der Test kostet nichts. Heizkurve schrittweise senken, Raumtemperaturen protokollieren, den kritischen Raum finden.
  • Meist sind zwei bis drei Räume das Problem, nicht das ganze Haus. Nur dort braucht es grössere Heizkörper.
  • Der hydraulische Abgleich kommt zuerst. Ohne ihn misst du die Fehlverteilung, nicht die Wärmeabgabe.
  • Das Ergebnis gehört in die Offerte, als eingetragene Auslegungsvorlauftemperatur mit Liste der zu ersetzenden Heizkörper.

Was 20 Grad mehr Vorlauftemperatur tatsächlich kosten

Das Wärmepumpen-Testzentrum WPZ in Buchs prüft Wärmepumpen nach den Normen EN 14511 und EN 14825 und veröffentlicht die Resultate. Dieselben Geräte werden für zwei Anwendungsfälle vermessen: «low» mit 35 Grad und «medium» mit 55 Grad. Die Geräte sind identisch, die Messreihe ist dieselbe, nur die Wassertemperatur ändert. Vier Beispiele aus der Liste vom 29. Mai 2026:

PrüfnummerCOP bei A7/W30–35COP bei A7/W47–55SCOP 35 °CSCOP 55 °C
327-17-545,12,44,833,01
337-18-074,32,54,153,08
298-17-254,62,84,033,03
587-22-385,73,15,704,19

Der SCOP ist die jahreszeitbedingte Leistungszahl über eine genormte Heizperiode. Sie sinkt bei diesen vier Geräten um 24 bis 38 Prozent, allein weil das Wasser wärmer sein muss.

Was das in Franken heisst. Ein Haus mit 20’000 Kilowattstunden Wärmebedarf, gerechnet mit dem Gerät 337-18-07 und dem ElCom-Medianpreis 2026 von 27,7 Rappen je Kilowattstunde:

BetriebsfallStrombedarfKosten je Jahr
Auslegung 35 °C, SCOP 4,154’819 kWh1’335 Fr.
Auslegung 55 °C, SCOP 3,086’494 kWh1’799 Fr.

Rund 460 Franken Unterschied im Jahr, über zwanzig Jahre gut 9’000 Franken — bei identischem Gerät und identischer Wärmemenge.

⚠ Zwei Ehrlichkeiten dazu. Der SCOP ist ein Prüfstandswert unter genormten Bedingungen, nicht die Jahresarbeitszahl deiner Anlage; die hängt zusätzlich an Speicher, Regelung und Warmwasserbereitung. Und 27,7 Rappen ist der Medianwert eines Haushalts mit 4’500 Kilowattstunden nach der ElCom-Erhebung für 2026, nicht dein Tarif. Die Richtung der Rechnung ändert sich dadurch nicht, die Höhe schon.

Warum das nicht dasselbe ist wie der hydraulische Abgleich

Zwei Grössen werden häufig verwechselt, und sie hängen in genau einer Richtung zusammen.

  • Der hydraulische Abgleich regelt die Verteilung: Jeder Heizkreis bekommt die Wassermenge, für die er ausgelegt wurde. Wie das eingestellt und protokolliert wird, steht ausführlich im Artikel Der hydraulische Abgleich.
  • Die Vorlauftemperatur regelt das Niveau: wie heiss das Wasser überhaupt ist, das verteilt wird.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Ohne Abgleich bekommt der ungünstig gelegene Raum zu wenig Wasser; er wird kalt, sobald du die Temperatur senkst — und du schliesst daraus fälschlich, das Haus brauche 55 Grad. Genau das beschreibt suissetec als Folge eines hydraulischen Ungleichgewichts: ungünstig gelegene Heizkörper werden «entsprechend mit weniger Heizungswasser versorgt». Mach also erst den Abgleich, dann den Test. Andernfalls kaufst du eine Gerätegrösse, die dein Haus nie gebraucht hätte.

Der Selbsttest über eine kalte Woche

Du brauchst: ein Thermometer, das du in jedem Raum an dieselbe Stelle legen kannst, und eine Woche mit tiefen Aussentemperaturen. Je näher die Aussentemperatur an der massgebenden Auslegetemperatur deiner Region liegt, desto belastbarer ist das Ergebnis.

  1. Vorbereiten. Alle Thermostatventile ganz öffnen. Türen im gewohnten Zustand lassen. Notier den aktuellen Vorlauf beziehungsweise die eingestellte Heizkurve.
  2. Messpunkte festlegen. Je Raum eine Stelle, etwa 1,5 Meter über Boden, nicht neben dem Heizkörper, nicht in der Fensternische, nicht über einem Gerät.
  3. Nullmessung. 48 Stunden bei der bisherigen Einstellung, danach in jedem Raum ablesen und notieren, dazu die Aussentemperatur.
  4. Erste Stufe. Vorlauf um drei Kelvin senken, wieder 48 Stunden halten, alle Räume ablesen. Ein trägeres System braucht länger — bei einer Bodenheizung eher drei Tage je Stufe.
  5. Wiederholen, bis der erste Raum unter deine Wohlfühltemperatur fällt. Dieser Raum ist dein Auslegungsraum.
  6. Eine Stufe zurück und dort belassen. Diese Temperatur ist der belegte Bedarf deines Hauses — nicht eine Schätzung, sondern eine Messung.
DatumAussentemp.VorlaufWohnzimmerKücheBadZimmer NordBemerkung
Nullmessung
−3 K
−6 K
−9 K

⚠ Der Test ist eine Messung an einem realen Winter, keine Norm-Heizlastberechnung. War die kälteste Nacht deiner Testwoche milder als die massgebende Auslegetemperatur, brauchst du einen Zuschlag. Übergib das Protokoll deshalb dem Planer, statt es als Ergebnis zu behandeln.

Welche Räume du wirklich anfassen musst

Der Test liefert eine Liste, keine Sanierung. Fällt nur ein Raum ab, ist die Vorlauftemperatur des ganzen Hauses eine Geisel dieses einen Heizkörpers — und der ist meist einfacher zu ersetzen als das Wärmeniveau anzuheben.

Befund im ProtokollWas dahinterstecktWas hilft
ein einzelner Raum fällt früh abHeizkörper zu klein für die tiefe Temperaturgrösserer Heizkörper oder Modell mit Gebläse
Räume in einem Strang fallen gemeinsam abVerteilung, nicht Wärmeabgabehydraulischer Abgleich, Strangregulierventile
alle Räume fallen gleichmässig abdie gesamte Wärmeabgabe ist zu knappBodenheizung oder Kombination prüfen
Bad fällt ab, Rest hälthöhere Zieltemperatur, kleine FlächeZusatzheizkörper oder eigener Kreis
Raum fällt erst nach Tagen abSpeichermasse, nicht Leistungsmangellängere Haltezeit je Stufe, dann neu beurteilen

Erst wenn die Liste in allen Räumen gleichzeitig lang wird, kommt eine neue Flächenheizung in Betracht. Dann verlangen die MuKEn 2025 für das neue Abgabesystem ohnehin höchstens 35 Grad Vorlauf — das Ziel ist damit vorgegeben, nicht mehr verhandelbar.

Wie das Ergebnis in die Offerte kommt

Schreib in die Anfrage zwei Sätze, die den Test verbindlich machen:

Die Auslegungsvorlauftemperatur bei der massgebenden Auslegetemperatur ist in der Offerte einzutragen. Beizulegen ist die Liste der Wärmeabgabeflächen, die für diese Temperatur ersetzt oder ergänzt werden müssen, mit Einzelpreisen.

Damit ist die Temperatur eine Vertragsgrösse und nicht mehr eine Annahme. Nimm den Ausschreibungstext für den hydraulischen Abgleich gleich dazu — und rechne die Gerätewahl anschliessend mit deiner Zahl durch, nicht mit 55 Grad aus Gewohnheit. Was sonst noch in eine Wärmepumpen-Offerte gehört, steht im Positionsraster unter Was eine Wärmepumpe im Einfamilienhaus wirklich kostet.

Nebenbei arbeitet die Massnahme auch ohne Systemwechsel: EnergieSchweiz beziffert die energetische Betriebsoptimierung — Analyse und Anpassung der Anlageneinstellungen — mit «10 bis 15 % der Energiekosten» ohne Investitionskosten und ohne Komfortverlust.

Was heisst das für dich

Fang mit dem Abgleich an, nicht mit dem Test — sonst misst du das falsche Problem. Plan den Test für die nächste kalte Woche und leg dir jetzt schon die Protokolltabelle bereit; nachträglich lässt sich ein Winter nicht wiederholen. Nimm das Ergebnis als Zahl in die Offerte, zusammen mit der Liste der Heizkörper, die dafür ersetzt werden. Und wenn dir jemand ohne Messung 55 Grad einträgt: Das ist keine Auslegung, das ist eine Gewohnheit — und sie kostet dich jedes Jahr rund einen Viertel deiner Stromrechnung fürs Heizen.

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