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Energie & Haustechnik

Welche Boilertemperatur richtig ist

Warum 60 Grad am Speicheraustritt und 55 in den warmgehaltenen Leitungen gelten, und wo beim Warmwasser wirklich Strom zu sparen ist — mit Messwerten des BFE.

Ein Warmwasserboiler mit eingeführtem Thermometerfühler und isolierten Zuleitungs- sowie Rücklaufrohren.

Der Wärmepumpenboiler steht im Keller, und im Datenblatt steht, dass jedes Grad weniger Strom spart. Also die Boilertemperatur runter auf 50, denkt man. Genau an dieser Stelle stossen zwei Ziele aufeinander, die sich nicht verhandeln lassen: Energieeffizienz und Trinkwasserhygiene. Die Fachregeln geben dazu eine klare Antwort — und sie zeigen zugleich, dass der Sparhebel woanders liegt.

Kurzantwort

  • Mit warmgehaltenen Leitungen (Zirkulation oder Warmhalteband) gilt: 60 °C am Austritt des Speichers, 55 °C in den warmgehaltenen Leitungen, 50 °C an der Entnahmestelle, Kaltwasser höchstens 25 °C.
  • Ohne warmgehaltene Leitungen nennen SIA 385/1:2020, SVGW W3/E3 und die BAG- und BLV-Module übereinstimmend 55 °C im Speicher und 50 °C an der Entnahmestelle.
  • 55 °C ist die Untergrenze im ganzen System. suissetec formuliert es unmissverständlich: An keinem Punkt im gesamten System darf diese Temperatur unterschritten werden.
  • Die Temperatur ist der falsche Sparhebel. Die entnommene Energie bleibt gleich, sinken würden nur die Bereitschaftsverluste.
  • Der echte Hebel heisst Heizstab. In einem vom BFE ausgewerteten Einfamilienhaus verbrauchte der Elektroheizstab 26 Prozent der gesamten Elektrizität für Warmwasser — und erreichte die für die Desinfektion nötigen 60 °C trotzdem nie.

Weshalb die Temperatur ein Hygienethema ist

Legionellen sind Teil der natürlichen Umweltflora und lassen sich auch in einwandfreiem Trinkwasser nachweisen. Entscheidend ist, ob sie sich in der Hausinstallation vermehren können. Modul 1 der BAG- und BLV-Empfehlungen beschreibt den Zusammenhang so: Der kritische Bereich für schnelles Wachstum liegt zwischen 25 und 45 °C, die optimalen Bedingungen zwischen 30 und 42 °C. Bei Wassertemperaturen oberhalb von 50 °C vermehren sich Legionellen nicht mehr und beginnen abzusterben. Ab 60 °C werden sie innerhalb kurzer Zeit abgetötet. Unter 20 °C verbleiben sie in einem ruhenden Zustand.

Daraus ergibt sich die Logik der Grenzwerte: Der Speicher muss so warm sein, dass die Temperatur an jedem Punkt des Verteilsystems über dem Wachstumsbereich bleibt — auch am entferntesten Strang.

⚠ Für ein privates Einfamilienhaus gibt es keinen gesetzlichen Legionellen-Höchstwert. Anhang 5 der TBDV regelt die mikrobiologischen Anforderungen an Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen; für Sprudelbäder und Dampfbäder nennt er 100 KBE je Liter. Die BAG- und BLV-Module arbeiten bei der Beurteilung von Hausinstallationen dagegen mit Stufen: unter 1’000 KBE je Liter geringe, 1’000 bis 10’000 mässige und über 10’000 starke bis massive Kontamination.

Welche Boilertemperatur die Fachregeln verlangen

suissetec hat die drei massgebenden Regelwerke — SIA 385/1:2020, die SVGW-Richtlinie W3 mit Ergänzung E3 und die BAG- und BLV-Module — nebeneinandergestellt. Das Ergebnis:

MesspunktAnlage mit warmgehaltenen LeitungenAnlage ohne warmgehaltene Leitungen
Austritt Speicher oder Frischwasserstation60 °C (W3/E3 und Module)55 °C
warmgehaltene Leitungen, Zirkulation, Warmhalteband55 °Centfällt
Entnahmestelle50 °C50 °C
Kaltwasserhöchstens 25 °Chöchstens 25 °C

Zwei Punkte dazu, die im Verkaufsgespräch gern untergehen:

Die SIA 385/1:2020 nennt für Anlagen mit warmgehaltenen Leitungen keine Speichertemperatur — sie ist vom Planer zu berechnen. Die BAG- und BLV-Empfehlungen verlangen, dass die Temperaturdifferenz zwischen Speicheraustritt und Speichereintritt höchstens 5 K beträgt. Bei kleinen Objekten kann laut suissetec eine Differenz von 3 K genügen, was einer Speichertemperatur von 58 °C entspräche; bei mittleren und grossen Verteilsystemen sind auch Speichertemperaturen über 60 °C denkbar. Wer die Differenz klein hält, verlangt dafür einen sauberen hydraulischen Abgleich der Zirkulationsstränge.

Die frühere Ausnahme für Wärmepumpen ist weg. In der Fassung von 2011 wurde ein Ausnahmeartikel so ausgelegt, dass eine tägliche Desinfektion mit 60 °C während einer Stunde genüge. suissetec hält fest: Diesen Ausnahmeartikel gibt es nicht mehr. Die in Art. 3.2.5.2 der SIA 385/1:2020 erwähnte Inbetriebsetzung warmgehaltener Leitungen bei 52 °C gilt ausdrücklich nur für den Betrieb bei hygienisch optimalen Voraussetzungen und ist, so suissetec wörtlich, auf keinen Fall als Freipass für Systeme mit tiefen Temperaturen zu sehen.

Für Vorwärmspeicher, etwa aus Solarthermie oder Abwärme, gilt eine eigene Regel: Zonen, in denen eine massgebliche Legionellenvermehrung stattfinden kann, müssen einmal wöchentlich während einer Stunde auf 60 °C erwärmt werden.

Wo beim Warmwasser wirklich Strom liegt

Der Denkfehler beim Absenken ist einfach zu benennen. Die Energie, die du an der Dusche entnimmst, hängt an der Wassermenge und der Mischtemperatur an der Armatur, nicht an der Speichertemperatur. Stellst du den Speicher kälter, mischst du weniger Kaltwasser zu und beziehst mehr Warmwasser — die Nutzenergie bleibt praktisch gleich. Kleiner werden nur die Bereitschaftsverluste des Speichers und der warmgehaltenen Leitungen. Eine amtliche Schweizer Angabe, wie viele Kilowattstunden ein Kelvin weniger Speichertemperatur im Einfamilienhaus bringt, existiert nicht.

Was sich dagegen belegen lässt, ist der Verbrauch selbst. Der BFE-Schlussbericht «Warmwasser-Energieverbrauch im Griff haben» rechnet mit dem Normliter: der Erwärmung von einem Liter Wasser von 10 auf 60 °C, entsprechend 0,058 kWh thermischer Energie. Als Standardnutzung nach SIA 2024 setzt er für das Einfamilienhaus 40 Normliter je Person und Tag an.

GrösseRechnungErgebnis
Haushalt mit vier Personen4 × 40 Normliter160 Liter je Tag
thermische Energie je Tag160 × 0,058 kWh9,3 kWh
thermische Energie je Jahr9,3 × 365rund 3’390 kWh
10 Liter weniger Warmwasser je Tag10 × 0,058 × 365rund 212 kWh je Jahr

Und dann der Befund, der die Diskussion um zwei oder drei Grad relativiert. Der Bericht wertete ein Einfamilienhaus in Uster über ein volles Jahr aus: Der Elektroheizstab sollte den Speicher einmal pro Woche für die thermische Desinfektion auf 60 °C erwärmen. Sein Anteil lag bei 262 kWh, also 26 Prozent der gesamten für die Warmwassererwärmung aufgewendeten elektrischen Energie — in einzelnen Monaten zwischen 20 und 40 Prozent. Die Temperaturauswertung zeigte zugleich, dass die 60 °C im Speicher gar nicht erreicht wurden. Ein Viertel des Warmwasserstroms floss also in eine Desinfektion, die keine war.

Der Bericht zieht daraus zwei Möglichkeiten: den Heizstab deaktivieren oder die Einstellungen so ändern, dass das Temperaturniveau der thermischen Desinfektion tatsächlich erreicht wird. Idealerweise liefert die Wärmepumpe den Grossteil der Energie und der Heizstab nur das, was sie nicht mehr schafft.

Was Leitungslänge, Zirkulation und Abwesenheit ändern

  • Ausstossleitungen sollen schnell auskühlen, damit das Wasser nur kurz im kritischen Bereich zwischen 25 und 50 °C verweilt. Lange, warm bleibende Stichleitungen sind hygienisch die schlechteste Lösung.
  • Mischventile, die an der Entnahmestelle auf unter 50 °C begrenzen, sind aus Sicht des Legionellen-Managements problematisch. Wo sie zum Verbrühungsschutz unverzichtbar sind, ist laut den Modulen eine entsprechend intensive Überwachung vorzusehen.
  • Wenig benutzte Zapfstellen: Duschen, die länger als eine Woche nicht benutzt wurden, vor dem Gebrauch mit Warmwasser spülen. Bezugsstellen, die üblicherweise länger als drei Tage stillstehen, gehören in einen Spülplan und sind mindestens zweimal wöchentlich gründlich zu spülen.
  • Nach mehr als einem Monat Standzeit ist die gesamte Installation gründlich zu spülen, mit mindestens 60 °C am Erwärmeraustritt und ohne Aerosolbildung; Perlatoren vorher entfernen und reinigen, verkrustete Duschköpfe entkalken.
  • Temperaturen kontrollieren: Eingebaute Anzeigen sind laut den Modulen teilweise unpräzise und periodisch gegenzumessen. Eine Protokollierung etwa alle drei Monate ist empfehlenswert; an der Zapfstelle das Wasser bis zur Temperaturkonstanz laufen lassen, üblicherweise rund zwei Minuten.

Was heisst das für dich

Stell den Speicher auf den Wert, den deine Anlagenart verlangt: 60 °C am Austritt, wenn eine Zirkulation oder ein Warmhalteband vorhanden ist, sonst 55 °C — und miss an der entferntesten Zapfstelle nach, ob dort nach kurzem Vorlauf 50 °C ankommen. Senk die Temperatur nicht unter diese Werte, um Strom zu sparen; der Gewinn ist klein und das Risiko ist ein Gesundheitsrisiko. Wenn du sparen willst, prüf stattdessen den Heizstab: Läuft er wöchentlich, erreicht er die 60 °C überhaupt, und wird er erst zugeschaltet, wenn die Wärmepumpe an ihre Grenze kommt? Und schreib dir für die nächste Rückkehr aus längerer Abwesenheit den Spülgang in den Kalender.

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