Jahresarbeitszahl: die Zahl, die über deine Stromrechnung entscheidet
Was die Jahresarbeitszahl deiner Wärmepumpe misst, welche Richtwerte der Bund nennt und was ein halber Punkt mehr im Jahr an Stromkosten ausmacht.

Zwei Nachbarn, zwei Luft-Wasser-Wärmepumpen desselben Baujahrs, zwei sehr verschiedene Stromrechnungen. Der Unterschied steckt selten im Gerät und fast immer in einer einzigen Kennzahl: der Jahresarbeitszahl. Sie sagt, wie viel Wärme aus einer Kilowattstunde Strom wird — und sie entscheidet, ob eine Wärmepumpe im Betrieb günstig ist oder nur im Prospekt.
Kurzantwort
- Die Jahresarbeitszahl ist Wärme geteilt durch Strom, über ein ganzes Jahr.
Bei 3.0 werden aus einer Kilowattstunde Strom drei Kilowattstunden Wärme.
- Sie ist nicht der COP. Der COP gilt für einen Betriebspunkt im Prüfstand,
die Jahresarbeitszahl für ein Betriebsjahr samt Abtauung, Warmwasser und Hilfsantrieben.
- Richtwerte des Bundes für das Mittelland: Luft-Wasser mit Bodenheizung
3.25, mit Radiatoren 2.80; Sole-Wasser 4.10 beziehungsweise 3.40 — jeweils für Heizung und Warmwasser zusammen.
- Ein halber Punkt kostet Geld. Bei 18’000 Kilowattstunden Wärmebedarf
trennen 2.80 und 3.25 rund 220 Franken Stromkosten im Jahr.
- Die grösste Stellschraube ist die Vorlauftemperatur, nicht das Fabrikat.
Der Sprung von Radiatoren auf 35/30 °C bringt in den Richtwerten mehr als der Wechsel auf ein leistungsgeregeltes Gerät.
Was die Jahresarbeitszahl misst und was der COP misst
Das Fachbuch «Wärmepumpen – planen, optimieren, betreiben und warten», das EnergieSchweiz und das Bundesamt für Energie mittragen, trennt in Kapitel 1.2 sauber zwischen zwei Familien von Kennzahlen. Leistungsbezogen sind die Leistungszahl und der COP: Wärmeleistung geteilt durch elektrische Leistung, in einem einzigen Betriebspunkt. Energiebezogen sind die Jahresarbeitszahl, der Wärmeerzeugernutzungsgrad und der Systemnutzungsgrad: Wärmemenge geteilt durch Strommenge, über ein ganzes Jahr.
Der Unterschied ist kein akademischer. Ein Prospekt-COP von 4.7 gilt typischerweise für milde Aussenluft und eine tiefe Vorlauftemperatur. Im Januar, bei minus fünf Grad und 45 °C Vorlauf, arbeitet dieselbe Maschine bei einem Bruchteil davon. Die Jahresarbeitszahl mittelt beides und zählt dazu, was der COP gar nicht sieht: Abtauzyklen, Umwälzpumpen, Regler, Warmwasserladung und allenfalls einen Elektroheizstab.
Und sie hängt an der Systemgrenze. Zählt man nur die Wärmepumpe oder auch den Speicher? Nur den Verdichter oder auch die Pumpen? Wer zwei Zahlen vergleicht, muss zuerst wissen, wo der Zaun steht — sonst vergleicht er zwei verschiedene Grössen mit demselben Namen.
Welche Jahresarbeitszahl deine Wärmepumpe erreichen sollte
Tabelle 9.5 desselben Fachbuchs führt Richtwerte nach Bauart, Höhenlage und Wärmeabgabe. Wir haben sie für das Mittelland auf 400 bis 500 Meter über Meer gegen die Stromkosten gerechnet: Grundlage sind 18’000 Kilowattstunden Wärmebedarf im Jahr für Heizung und Warmwasser und 25.1 Rappen je Kilowattstunde — der Medianwert, den wir aus den ElCom-Tarifdaten 2026 für die Verbrauchskategorie H7 über alle Gemeinden gerechnet haben.
| Anlage im Mittelland | Richtwert mit Warmwasser | Strom im Jahr | Stromkosten |
|---|---|---|---|
| Luft-Wasser, Radiatoren 45/40 °C | 2.80 | 6’430 kWh | rund 1’610 Fr. |
| Luft-Wasser, Bodenheizung 35/30 °C | 3.25 | 5’540 kWh | rund 1’390 Fr. |
| Sole-Wasser, Radiatoren 45/40 °C | 3.40 | 5’290 kWh | rund 1’330 Fr. |
| Sole-Wasser, Bodenheizung 35/30 °C | 4.10 | 4’390 kWh | rund 1’100 Fr. |
Zwischen der ersten und der letzten Zeile liegen rund 510 Franken im Jahr, über zwanzig Betriebsjahre also mehr als 10’000 Franken. Zwischen den beiden Luft-Wasser-Zeilen liegen rund 220 Franken — und dazwischen liegt nur die Wärmeabgabe im Haus, nicht das Gerät.
Das Fachbuch selbst warnt bei dieser Tabelle: Die Angaben hängen «stark von der tatsächlichen Situation vor Ort (Raumtemperatur, energetische Qualität der Gebäudehülle, zusätzliche Wärmeerzeuger usw.) ab und können daher lediglich der Orientierung dienen». Wer höher wohnt, rechnet mit weniger: Für den voralpinen Raum bis 800 Meter nennt dieselbe Tabelle für die Luft-Wasser-Anlage mit Bodenheizung 3.00 statt 3.25.
Was die Feldmessungen des Bundes gezeigt haben
Richtwerte sind das eine, gemessene Anlagen das andere. EnergieSchweiz liess von 2015 bis 2018 Wärmepumpenanlagen im laufenden Betrieb ausmessen. Der Jahresbericht 2017 umfasst neun Anlagen — vier Luft-Wasser und fünf Sole-Wasser. Die Luft-Wasser-Anlagen lagen zwischen 2.7 und 3.2, die Sole-Wasser-Anlagen zwischen 3.3 und 5.8. Von den beiden Anlagen, die über das ganze Jahr gemessen wurden, erreichte die Luft-Wasser-Anlage 2.7 und die Erdsondenanlage 4.9.
Neun Anlagen sind keine Statistik, und der Bericht sagt das selbst. Zwei Befunde daraus sind trotzdem hart: Die Spannweite innerhalb derselben Bauart ist grösser als der Abstand zwischen den Bauarten. Und die Hilfsantriebe sind kein Rundungsfehler — der Heizstab kann laut Bericht bis zu 7 Prozent und die Umwälzpumpen auf der Warmseite bis zu 11 Prozent des gesamten Stromverbrauchs ausmachen.
Woran die Zahl im Alltag wirklich hängt
Die Vorlauftemperatur. Sie ist in den Richtwerten die einzige Grösse, die den Wert um mehr als einen halben Punkt verschiebt. Jedes Grad weniger im Vorlauf ist ein Grad, das der Verdichter nicht überbrücken muss.
Die Warmwasserladung. In der Tabelle kostet sie bei der Luft-Wasser-Anlage mit Bodenheizung 0.25 Punkte, weil Warmwasser eine höhere Temperatur verlangt als die Heizung.
Der Elektroheizstab. Er ist die teuerste Kilowattstunde im Haus und zugleich die heimtückischste: Läuft er unbemerkt mit, verbessert er die gemessene Jahresarbeitszahl der Wärmepumpe sogar, weil er ihr Arbeit abnimmt — während die Stromrechnung steigt. Das Fachbuch nennt diesen Fall ausdrücklich als Beispiel für eine unerkannte Betriebsstörung.
Kurze Laufzeiten. Als Minimum je Verdichterstart nennt das Fachbuch 20 bis 30 Minuten. Deutlich kürzere Läufe deuten auf eine Hydraulik oder eine Regelstrategie hin, die nicht passt.
Wie du die Zahl an deiner Anlage selbst bestimmst
Es braucht zwei Zähler: einen Elektrozähler für die Wärmepumpe samt Hilfsantrieben und einen Wärmezähler für die abgegebene Wärme. Beide Werte einmal im Jahr am selben Datum ablesen, Wärme durch Strom teilen — fertig.
Zwei Fallen dabei. Erstens die Systemgrenze: Wenn Umwälzpumpen, Regler oder ein Heizstab an einem anderen Anschluss hängen, fehlen sie im Nenner und die Zahl fällt zu gut aus. Zweitens die Genauigkeit — das Fachbuch beziffert die Messunsicherheit beim Bestimmen der Jahresarbeitszahl mit typischerweise 5 bis 10 Prozent. Ein Unterschied von 3.1 zu 3.3 ist damit kein Befund; ein Unterschied von 2.6 zu 3.3 sehr wohl.
Wenn deine Anlage die Zahl selbst anzeigt, prüf, wie sie zustande kommt. Das Fachbuch weist darauf hin, dass Regler auch Tabellenwerte aus Kennfeldern ausgeben können statt echter Messwerte — und die zeigen im Fehlerfall weiterhin korrekt aussehende Werte an.
Warum die Förderrechnung mit 3.0 und 3.5 arbeitet
Wer in einer kantonalen Förderabrechnung auf die Zahlen 3.0 und 3.5 stösst: Das sind die Rechenwerte des Harmonisierten Fördermodells der Kantone. Tabelle 11 legt für die Luft-Wasser-Wärmepumpe 3.0 fest und für Sole-Wasser- und Wasser-Wasser-Anlagen 3.5, jeweils «bezogen auf die Warmwasser- und Raumwärmeproduktion». Es sind pauschale Werte für die Erfolgskontrolle von Förderprogrammen — keine Gerätekennzahl und keine Zusage für deine Anlage.
Was heisst das für dich
Verlang in jeder Offerte eine Jahresarbeitszahl mit Angabe der Systemgrenze und der Auslegungs-Vorlauftemperatur. Ohne diese zwei Angaben ist die Zahl nicht prüfbar, und eine nicht prüfbare Zahl ist beim Vergleich zweier Offerten wertlos.
Lass zwei Zähler einbauen, bevor die Anlage läuft. Nachträglich ist es teurer, und ohne Messung merkst du eine Verschlechterung erst auf der Stromrechnung — also ein Jahr zu spät.
Und bevor du über ein besseres Gerät nachdenkst: Rechne durch, was eine tiefere Vorlauftemperatur bringt. In den Richtwerten des Bundes ist das der grösste einzelne Sprung, und er kostet in vielen Häusern weniger als der Aufpreis für die nächstbessere Maschine.
Weiterlesen
— der Hebel, der die Jahresarbeitszahl am stärksten bewegt
— der Bauartvergleich mit Kosten, Bewilligung und Platzbedarf
— die zweite Hälfte der Stromrechnung
— dort stehen gemessene Zahlen aus echten Anlagen
Quellen
(Kap. 1.2, Tabelle 9.5, Kap. 9.8)
- EnergieSchweiz / NTB: Bericht «WP-Feldmessung», Jahresbericht 2017
- EnDK / INFRAS: Harmonisiertes Fördermodell der Kantone HFM 2015,
Tabelle 11


