Komfortlüftung nachrüsten: geht das in einem bestehenden Haus?
Nach der Fenstersanierung beschlagen die Scheiben: welche drei Lüftungssysteme sich nachrüsten lassen, was sie an Wärme sparen und was der Unterhalt kostet.

Die Fenster sind seit einem Jahr neu, und seither läuft im Schlafzimmer morgens Wasser über den Rahmen. Im Bad steht die Feuchte bis mittags. Das ist kein Mangel an den Fenstern, sondern die Folge davon, dass die Luftwechsel, die vorher durch die undichten alten Rahmen liefen, nicht mehr stattfinden. Die Frage, ob sich eine Komfortlüftung nachrüsten lässt, hat drei Antworten mit sehr unterschiedlichem Eingriff.
Kurzantwort
- Die Norm verlangt ein Lüftungskonzept, nicht eine Anlage. SIA 180 fordert, dass im Vorprojekt festgelegt wird, wie die Luft erneuert wird — das darf auch Fensterlüftung sein.
- Drei Systeme kommen im Bestand infrage: die Komfortlüftung mit Zuluft, Abluft und Wärmerückgewinnung, die einfache Abluftanlage mit Aussenbauteil-Luftdurchlässen und die Einzelraumlüftung mit Geräten in der Aussenwand.
- Die Energierechnung allein trägt den Entscheid nicht. Das Fördermodell rechnet mit 2,0 MWh gesparter Raumwärme und 0,3 MWh Strommehrverbrauch je Wohneinheit und Jahr.
- Der Förderbeitrag ist der grösste Einzelposten: 2’400 Franken pro Wohneinheit als Minimalfördersatz der Kantone.
- Der Unterhalt entscheidet über die Zufriedenheit. Bei Einzelraumgeräten sind zwei bis vier Filterwechsel pro Zimmer und Jahr fällig.
Warum dichte Fenster die Lüftungsfrage stellen
Das Problem lässt sich beziffern. In Wohnungen fallen laut der von EnergieSchweiz und dem Bundesamt für Energie herausgegebenen Publikation «Wohnungslüftung» pro Person und Tag typischerweise 1 bis 1,5 Kilogramm Wasserdampf an; für den Feuchteschutz wird empfohlen, mit 1,2 Kilogramm zu rechnen. Bei einer vierköpfigen Familie sind das knapp fünf Liter täglich. Solange die alten Fenster undicht waren, verschwand diese Menge unbemerkt. Danach nicht mehr.
Gleichzeitig gibt es eine Untergrenze. Nach SIA 180 und SIA 382/1 beträgt die minimal zulässige relative Raumluftfeuchte 30 Prozent, bezogen auf 21 Grad Raumlufttemperatur, wobei dieser Wert während 10 Prozent der Nutzungszeit unterschritten werden darf. Über 800 Metern reduziert sich die Grenze um 1 Prozent je 100 Höhenmeter. Eine Lüftung soll also genug abführen, damit kein Kondensat und kein Schimmel entsteht, und wenig genug, damit die Luft im Winter nicht austrocknet. Zwischen diesen beiden Grenzen liegt das ganze Auslegungsproblem.
⚠ Ein Detail, das im Bestand über die Systemwahl entscheidet: Die Luftdichtheit der Hülle. Die BFE-Publikation hält fest, dass eine undichte Gebäudehülle den Einsatz von Abluftanlagen ausschliesst und den Nutzen einer Feuchterückgewinnung erheblich reduziert. Prüf das, bevor du eine Anlage aussuchst — nicht danach.
Welche Systeme sich in einem bestehenden Haus nachrüsten lassen
| System | Eingriff im Bestand | Wärmerückgewinnung | Typische Schwäche |
|---|---|---|---|
| Komfortlüftung als Einzelwohnungsanlage | Gerät je Wohnung, Zu- und Abluftleitungen bis in jeden Raum | ja, hohe Rückwärmzahl | Platzbedarf für Leitungen, Gerätestandort in der Wohnung ist teurer Raum |
| Komfortlüftung als Mehrwohnungsanlage | ein Gerät für mehrere Wohnungen, Steigzone nötig | ja, hohe Rückwärmzahl | Steigzone im Bestand oft nicht vorhanden, Brandschutz |
| Einfache Abluftanlage mit Aussenbauteil-Luftdurchlässen | Abluftventilator, Durchlässe in den Aussenwänden der Zimmer | ⛔ keine | setzt eine dichte Hülle voraus, kalte Zuluft, keine Feuchterückgewinnung |
| Einzelraumlüftung mit Geräten in der Aussenwand | Kernbohrung je Zimmer, keine Leitungen | ja, bei guten Geräten rund 60 Prozent | Ventilator im Zimmer, Filterwechsel je Gerät, windempfindlich |
| Fensterlüftung mit bedarfsgesteuerter Abluft in Bad und WC | minimal | ⛔ keine | hängt vollständig am Verhalten der Bewohner |
Die BFE-Publikation vergleicht diese Systeme über zehn Kriterien und formuliert dazu einen Satz, der jede Verkaufsdiskussion abkürzt: Bessere Werte für Raumluftqualität, Raumluftfeuchte, thermische Behaglichkeit, Robustheit, Betriebsenergie und externen Schallschutz müssen stets durch höhere Investitionen und mehr graue Energie erkauft werden. Es gibt keine Lösung, die in allen Punkten gewinnt.
Ein handfestes Beispiel für den Unterschied zwischen Abluftanlage und Komfortlüftung liefert dieselbe Quelle: Werden einem Zimmer 30 m³ Luft pro Stunde von aussen zugeführt, sind bei minus 10 Grad Aussentemperatur allein für die Erwärmung dieser Zuluft 290 Watt Heizleistung nötig. Bei einer Komfortlüftung sind es dank der Wärmerückgewinnung unter denselben Bedingungen rund 70 Watt. Für ein Zimmer mit 15 Quadratmetern heisst das: Mit einer Abluftanlage muss die Fussbodenheizung 5 W/m² mehr liefern, was entweder einen kleineren Rohrabstand oder eine um etwa 5 Kelvin höhere Vorlauftemperatur bedingt — und letzteres senkt die Arbeitszahl einer Wärmepumpe um rund 15 Prozent.
Wo die Leitungen im Bestand hinkommen
Das ist die Frage, an der die zentrale Lösung im Altbau am häufigsten scheitert, und sie gehört an den Anfang der Planung. Im Rahmen des Lüftungskonzepts muss geklärt werden, wo Steigzonen, horizontale Verteilung und Gerätestandorte überhaupt vorhanden sind; bei bestehenden Gebäuden schränken die Platzverhältnisse die Systemwahl ein. Neben dem Raum für die Installation zählt auch die Zugänglichkeit für den Unterhalt.
Praktisch bedeutet das drei Suchaufträge, bevor die erste Offerte eingeholt wird:
- Ein aufgegebener Kamin oder Schacht. Wo eine Ölheizung ausgezogen ist, steht ein Schacht leer, der von unten bis oben durchgeht. Das ist die einzige gratis vorhandene Steigzone in den meisten Häusern.
- Der Estrich als Verteilebene. Liegt darüber ein unbeheizter Raum, lassen sich die Leitungen dort horizontal führen. Sie müssen dann aber gedämmt werden — die MuKEn verlangen in Art. 1.20, dass Luftkanäle, Rohre und Geräte je nach Temperaturdifferenz gegen Wärmeübertragung geschützt werden.
- Die abgehängte Decke im Korridor. Der Korridor ist der Raum, in dem 20 Zentimeter Höhe am wenigsten wehtun und von dem aus alle Zimmer erreichbar sind.
⛔ Was nicht funktioniert: eine Steigzone, die die Luftdichtheit der Wohnungstrennflächen durchbricht. Die BFE-Publikation nennt Steigzonen im Mehrfamilienhaus ausdrücklich als häufige Schwachstelle und hält fest, dass Lüftungsinstallationen die Luftdichtheit nicht schwächen dürfen. Wo Luft durchgeht, geht auch Schall durch.
Was Einzelraumgeräte leisten und was nicht
Sie sind der naheliegende Ausweg, wenn keine Leitung möglich ist, und die BFE-Publikation nennt sie ausdrücklich als geeignet für Nachrüstungen im Bestand — etwa gezielt in Schlafzimmern von Pollenallergikern oder an lärmbelasteten Lagen. Bei qualitativ hochwertigen Geräten reduziert die Wärmerückgewinnung die Lüftungswärmeverluste um rund 60 Prozent, und Geräte mit Enthalpieübertrager heben die relative Raumluftfeuchte im Winter um etwa 5 Prozentpunkte.
Die Nachteile sind ebenso konkret, und sie betreffen den Alltag:
- Der Ventilator steht im Zimmer. Einzelraumlüftungsgeräte sind meist lauter als die anderen Systeme, und die am Markt erhältlichen Geräte halten die von Normen geforderten Schallanforderungen teilweise nicht ein.
- Bei Kälte schalten sie ab. Wegen des Vereisungsschutzes schalten die meisten Geräte unter etwa minus 3 Grad Aussentemperatur ganz aus oder deaktivieren die Wärmerückgewinnung. In Davos wäre die Wärmerückgewinnung damit rund 1’800 Stunden im Jahr ausser Betrieb, also zweieinhalb Monate.
- Wind stört sie. Bei vielen Geräten reagiert der Luftstrom empfindlich auf Druckschwankungen; an windexponierten Lagen und in mehrgeschossigen Lüftungszonen kommen nur Produkte mit hoher Volumenstromstabilität infrage.
- Der Unterhalt fällt je Gerät an. Filter zwei- bis viermal jährlich, Aussenluft- und Fliegenschutzgitter ein- bis zweimal jährlich — in jedem Zimmer.
Zur Wirtschaftlichkeit ist die Publikation zurückhaltend und ehrlich: Sie lässt sich nicht klar beurteilen; bei gleicher Qualität sind im Neubau aber höhere Kosten zu erwarten als bei einer kostenbewusst geplanten Komfortlüftung, und auch die Wartungs- und Energiekosten liegen typischerweise höher.
Was die Anlage energetisch bringt
Hier lohnt sich die nüchterne Rechnung, weil sie dem Verkaufsargument widerspricht. Das Wirkungsmodell des harmonisierten Fördermodells setzt für eine Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung 2,0 MWh eingesparte Raumwärme pro Wohneinheit und Jahr an — gerechnet mit 0,8 m³ Luft je Stunde und Quadratmeter, 120 m² Energiebezugsfläche und einer Rückwärmzahl von 80 Prozent. Dem stehen 0,3 MWh Strom pro Jahr für die Ventilatoren gegenüber, bei einer Antriebsleistung von 0,35 W je m³/h. Die angesetzte Lebensdauer beträgt 15 Jahre.
| Posten | Menge je Jahr | Wert bei 27,7 Rp./kWh |
|---|---|---|
| Eingesparte Raumwärme, Wärmepumpe mit Jahresarbeitszahl 3,0 | 667 kWh Strom weniger | + 185 Fr. |
| Strom für die Ventilatoren | 300 kWh mehr | − 83 Fr. |
| Netto | + 102 Fr. | |
| Über 15 Jahre Lebensdauer | 1’530 Fr. | |
| Förderbeitrag M-09, Minimalfördersatz | einmalig | 2’400 Fr. |
⚠ Der Förderbeitrag ist damit grösser als die gesamte Energieeinsparung über die Lebensdauer der Anlage. Wer eine Komfortlüftung mit der Heizkostenrechnung begründet, rechnet sie schön. Man kauft sie für die Luft, für den Feuchteschutz und für die Möglichkeit, im Sommer bei geschlossenem Fenster an der Strasse zu schlafen. Bei einer Ölheizung oder einer Elektroheizung fällt die Rechnung deutlich besser aus, weil die eingesparte Wärme dort teurer ist.
Es gibt einen zweiten, oft übersehenen Grund: Die MuKEn 2025 führen die mechanische Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung in Anhang 6 als eine der Standardmassnahmen, mit denen sich beim Wärmeerzeugerersatz die Anforderung erfüllen lässt. Verlangt sind die Energieklasse A oder eine Temperatur-Bruttoeffizienz von mindestens 73 Prozent, und die Anlage muss mindestens 90 Prozent der Energiebezugsfläche versorgen. Wer ohnehin vor dem Heizungsersatz steht, sollte diese Kopplung prüfen.
Was heisst das für dich
Klär in dieser Reihenfolge. Erstens: Wie dicht ist die Hülle wirklich? Ohne diese Antwort fällt die Abluftanlage aus der Auswahl. Zweitens: Gibt es einen durchgehenden Schacht oder einen aufgegebenen Kamin? Das entscheidet zwischen zentraler Anlage und Einzelraumgeräten, nicht der Preis. Drittens: Wer wechselt die Filter, und wie oft? Rechne den Unterhalt über fünfzehn Jahre mit demselben Gewicht wie die Investition, denn genau so gross ist er. Und verlang für die Offerte die Zahlen aus den Förderbedingungen — Rückwärmzahl mindestens 70 Prozent, spezifische Ventilatorleistung höchstens 0,42 W je m³/h, Luftwechsel im Bereich von 0,3 bis 0,6. Damit vergleichst du bei zwei Anbietern erstmals dasselbe.
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Quellen
- Heinrich Huber, Wohnungslüftung — Planung, Ausführung, Betrieb (EnergieSchweiz und BFE) — Lüftungskonzept nach SIA 180, Feuchteproduktion 1 bis 1,5 kg pro Person und Tag, minimale Raumluftfeuchte 30 Prozent, Systemvergleich über zehn Kriterien, 290 gegen 70 Watt Zulufterwärmung, Einzelraumlüftung mit 60 Prozent Wärmerückgewinnung, Vereisungsschutz bei minus 3 Grad, Wartungsintervalle, Luftdichtheit und Steigzonen
- EnDK, MuKEn 2025, Art. 1.19, Art. 1.20 und Anhang 6 — Pflicht zur Wärmerückgewinnung, Verbot der elektrischen Zusatzheizung, Dämmung der Luftkanäle, Standardmassnahme mit Temperatur-Bruttoeffizienz von 73 Prozent und Versorgung von 90 Prozent der Energiebezugsfläche
- EnDK, Harmonisiertes Fördermodell HFM 2015, Massnahme M-09 — Fördersatz 2’400 Franken je Wohneinheit, Rückwärmzahl 70 Prozent, spezifische Ventilatorleistung 0,42 W je m³/h, Luftwechsel 0,3 bis 0,6, Einsparung 2,0 MWh und Strommehrverbrauch 0,3 MWh je Wohneinheit und Jahr, Lebensdauer 15 Jahre
- SBFI/ElCom, Leicht sinkende Strompreise 2026 — Medianhaushalt 27,7 Rappen je Kilowattstunde


