Akelei - Aquilegia
Die Gartenbranche ist der Modewelt in vielen Dingen recht ähnlich. Ein Trend jagt den nächsten und so manches, das gestern noch in aller Munde war, ist schon morgen wieder von der Bildfläche verschwunden. Das betrifft die…

Ältester Blumen-Adel
Eine solche Blume ist auch die seit dem Mittelalter als Gartenblume bekannte Gewöhnliche Akelei, botanisch Aquilegia vulgaris. Unzählige Spielformen und Varianten sind im Laufe ihrer jahrhundertelangen Geschichte als Gartenpflanze entstanden. Schon vor einem halben Jahrtausend kannte man etwa gefüllte, zweifarbige und spornlose Sorten in verschiedenen Farbvariationen. Fast alle davon finden sich auch heute noch in unseren Gärten und sorgen im Frühsommer während der Blütezeit für einen Hauch Nostalgie. Während unzählige historisch belegte Sorten anderer Blumengattungen längst ausgestorben sind oder zumindest an Schwung verloren haben, konnte die Akelei sich die Fülle ihrer Ausdrucksmöglichkeit bewahren. Sie beginnt ihren zauberhaften Blüten-Tanz seit jeher im Mai und führt ihn in dem altvertrauten Takt zuweilen bis in den Juni hinein fort. Für die Beständigkeit der Akeleien in unseren Gärten gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Zum einen hatte das schmucke Hahnenfußgewächs mit seinen kunstvoll gestalteten Blüten seit jeher den Ruf, eine ganz besondere Blume zu sein und stand damit bei vielen Gartenbesitzern als Liebling hoch in der Gunst. Zum Anderen aber ist die Akelei einfach unglaublich anpassungsfähig und kann auch ohne viel Pflege ein Auskommen finden. Sie sorgt durch rege Aussaat für ihr Fortkommen und überrascht mit ihren Sämlingen, die selbst an unvorteilhaft erscheinenden Standorten heranwachsen können. Nicht selten sind Akeleien die letzten Blumen, die in den verwilderten Gärten leerstehender Häuser, nach vielen Jahren noch immer zwischen Unkraut und einstürzendem Mauerwerk die Stellung halten. Bescheiden zeugen sie dann von “glanzvolleren Zeiten” und wirken mit ihrer eleganten Ausstrahlung fast ein wenig zu vornehm für die Wildnis um sie herum. Irgendwann findet sie vielleicht jemand und erntet ihre schwarzen glänzenden Samen, um sie in einem neuen Garten auszustreuen.
[COLOR= rgb(0, 0, 0)]Dort können sie ihren Tanz dann wieder in der Gesellschaft von Rosen, Ritterspornen, Glockenblumen, Margeriten, Ritterspornen, Türken-Mohn und anderen Blumenkindern des Frühsommers tanzen. Überhaupt wurden Akeleien in der Vergangenheit meist von Gartenbesitzer zu Gartenbesitzer über eine handvoll Samen weitergegeben. So haben regional wohl viele Akelei-Sorten über die Jahrhunderte hinweg überleben können.[/COLOR]
Aus Alt mach Neu!
Viele Akeleisorten die heute als Neuheiten angepriesen werden, wie etwa die spornlosen Formen, sind eigentlich nur alte namenlose Sorten denen man endlich einen eigenen Namen gegeben hat. Man musste ihnen Namen geben um sie kommerziell vermarkten zu können. Einige Sorten wurden jedoch tatsächlich geringfügig verbessert, beispielsweise in Punkto Reinerbigkeit. Im Prinzip können aber fast alle Zuchtformen der Akelei, die man Aquilegia vulgaris zugerechnet als historische Gartenblumen gelten.
Die ersten Sorten der Akelei
In der Natur blühen die meisten Exemplare von Aquilegia vulgaris einfarbig in unterschiedlichen Blau- und Violetttönen. Auch an den Wildstandorten kommen jedoch immer wieder einzelne Exemplare vor, die von diesem Standard abweichen, sei es durch Blütenfarbe oder Blütenform. Die ersten Gartensorten der Akelei dürften wohl auf Wildfänge zurückgehen, die wegen ihrer von der Norm abweichenden Eigenschaften gesammelt wurden. Eine der häufigsten Mutationen in wilden Akelei-Beständen ist das Auftreten von weissen Honigblättern. Bei den Honigblättern handelt es sich um die fünf inneren “Blütenblätter” der Akelei, die mit den Nektarspornen verwachsen sind. Sind sie weiß, wirkt die Blüte zweifärbig und damit für das menschliche Auge noch attraktiver. Dass solche Formen seit jeher besonders viel Aufmerksamkeit bekamen, wird nicht zuletzt daraus ersichtlich, dass sie bevorzugt in der Kunst vergangener Jahrhunderte dargestellt wurden. So mancher “Öl-Blumenstrauß” zeigt etwa doppelt gefüllte, blau/weisse Akeleien, die der heutigen Sorte “Adelaide Addison” zum Verwechseln ähnlich sind. Auch die beliebte einfachblühende Sorte “William Guiness”, in deren Blüten dunkles Schwarzviolett von strahlendem Weiss akzentuiert wird, ist in ihrer Erscheinungsform ein altvertrauter Anblick.Natürlich gehören auch die zur Gänze reinweiß blühenden Formen von Aquilegia vulgaris traditionell zu den beliebtesten “Farbschlägen”. Die exquisite Sorte “Nivea” ist eine preisgekrönte, reinweiße Auslese, die besonders in schattigen Beeten eine Blume für alle Fälle ist. Wenn ihre Blüten im Mai wie Lichtreflexe im Halbdunkel schimmern, wirkt selbst die trostloseste Gartenecke wie aufs wunderbarste verwandelt!
Die Barlow-Gruppe
Eine der erfolgreichsten Sortengruppen der letzten Jahre war eindeutig jene der Barlow-Akeleien (Aquilegia vulgaris var.stellata). Die “Barlows” zeichnen sich durch sporn- und honigblattlose Blüten aus, die nur noch aus den spitz zulaufenden Kelchblättern bestehen. Diese Kelchblätter sind zum Ausgleich jedoch stark vervielfacht und können sehr ansprechende Farbverläufe zeigen. Durch die dichte Füllung wirken die Blüten verblüffend andersartig und erinnern mehr an kleine Kaktusdahlien als an herkömmliche Akeleien. Die bekannteste Sorte, die der Gruppe zugleich auch den Namen gab, nennt sich “Nora Barlow”. Die Blütenblätter von “Nora Barlow” zeigen einen rötlich/mauvefarbenen Grundton, verblassen aber zu den Spitzen hin ins Weisse und enden schließlich in einem Hauch von Grün. So entsteht ein attraktiver Dreiton-Effekt der diese Blume zu einer erlesenen Schönheit macht, die Ihresgleichen sucht. Allenfalls die Schwesternsorte “Christa Barlow” vermag ähnlich Schönes hervorzubringen. Sie zeigt den selben Farbverlauf bei satter blauvioletter Grundfarbe. Die meisten anderen Sorten dieser auffälligen Gruppe blühen mehr oder weniger einfarbig. Reinweiß zeigt sich die noble “White Barlow”, königsblau die etwas kleinblumige “Blue Barlow”, weinrot die noch kaum verbreitete “Bordeaux Barlow”, kräftig rosa die manchmal nur halbgefüllte “Rose Barlow” und tief schwarzviolett die düstere “Black Barlow”. Letztere ist ein kostbares Juwel, wenn es gilt ungewöhnliche und vielleicht auch geheimnissvoll anmutende Akzente im Garten zu setzen. Mit ihrer fast schwarzen Blütenfarbe ist sie geradezu prädistiniert für das Spiel mit Licht und Schatten. Begleitpflanzen, die in unterschiedlichen Gelbtönen blühen, wie Trollblumen, gefüllter Hahnenfuß und die robuste Gämswurz setzen starke Kontraste und sorgen für eine belebende Spannung, die so manchen Betrachter dazu einlädt, genauer hinzuschauen. Auch in den Reihen der Akeleien finden sich gute Blüh-Partner für “Black Barlow”. Die Akelei “Green Apples” etwa zeigt die selbe spornlose und dichtgefüllte Blütenform, ist jedoch von zartestem Apfelgrün und setzt damit einen etwas dezenteren Gegenpol. Spornlose Akeleien werden inzwischen auch wieder in ihrer ungefüllten Ausgangsform Aquilegia vulgaris var. stellata angeboten. Bei dieser lassen die lediglich zehn, waagerecht ausgebreiteten Kelchblätter eine ausgesprochen flache Blütenform entstehen, die große Ähnlichkeit mit einer Clematisblüte hat. Man findet diese Akeleien darum gelegentlich auch unter der Bezeichnung “Clematiflora” im Handel.
Die Akelei in der Indianer-Mythologie
Die Akelei ist keineswegs nur in Europa beheimatet sondern in ca. 70 verschiedene Arten in weiten Teilen der nördlichen Halbkugel vertreten. Besonders von Amerika aus gelangten in den letzten beiden Jahrhunderten viele neue Akelei-Arten über den Seeweg nach Europa, wie etwa die sonnengelbe Goldakelei (Aquilegia chrysantha) und die leuchtend rote Kanadische Akelei (Aquilegia canadensis). Bei uns sind solche Neueinführungen attraktive Zierpflanzen und erfreuen in erster Linie das Auge. In ihren Heimatländern habe einige Arten jedoch eine lange Tradition als Heilpflanzen und gehören damit ebenfalls zu den Blumen, deren Weg sich schon vor langer Zeit mit dem des Menschen kreuzte. Die gemeinhin als “Indianer” bezeichneten Ureinwohner Amerikas fanden so etwa mancherlei Gebrauch für die in ihren jeweiligen Heimatregionen vorkommenden Akeleien. Angehörige des Chehalis-Stammes saugen, wenn sie im Frühsommer unterwegs sind, beispielsweise gerne den süßen Blütennekatar der Aquilegia formosa aus, quasi als kleine Nascherei für zwischendurch. Auch von den Quileute-Indianern ist eine recht ungewöhnliche Nutzung der Akelei bekannt.Die Männer ritzen sich die Haut aus kultischen Gründen mit einem scharfen Stein auf und beträufeln die Wunden anschließend mit dem Saft einer abgepflückten Akelei. Die milchige und zudem auch toxische Flüssigkeit sorgt für eine deutlichere Narbenbildung. Besonders interessant ist auch, dass die Akelei bei manchen Stämmen als Liebesblume und Fruchtbarkeitssymbol gilt.
Fazit:
Nicht alles, was uns als Neuheit verkauft wird, ist auch wirklich neu. Bei Blumen sind es oft gerade die alten Spielformen, die heute in der zeitgenössischen Gartenkultur wieder neu aufleben dürfen. Im Falle der Akelei ist dies eine ausgesprochen begrüßenswerte Entwicklung und man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass diese “Blaue Blume der Romantik” auch in Zukunft nicht zu Kurz kommen wird!
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